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Mehrjähriger Weizen, ein Versuch!

Die ökologische Landwirtschaftsberatung nutzt seit vielen Jahren die Möglichkeit an den Versuchsstandorten, früher Everlange und heute Bettendorf, alternative Kulturen und Bewirtschaftungs-arten zu testen.

Im Herbst 2018 wurde, durch Claude Petit eingeführt, erstmals in Luxemburg am Standort Bettendorf mehrjähriger Weizen eingesät. Dieser, auch perennierender oder ausdauernder Weizen genannt, ist eine Kreuzung aus herkömmlichem Kulturweizen (Triticum aestivum) und Blauquecke, die aus der Familie der Süßgräser stammt.

Was diesen Weizen so besonders macht, ist, dass er im Gegenzug zum Kulturweizen mehrjährig ist. Bei normalem Kulturweizen und anderen Getreidearten bleiben nach dem Dreschen nur Stoppeln aus abgestorbenen Pflanzenresten. Wenn das Feld danach wieder ergrünt, handelt es sich entweder um Ausfallgetreide* oder Beikräuter. Mehrjähriger Weizen verhält sich hingegen wie Gras. Jeder kennt es von zu Hause: Der Rasen wird regelmäßig gemäht und solange die Witterung es zulässt, schießt das Gras immer wieder aus. Dieser Weizen bildet bei optimalen Bedingungen nach der Ernte neue Triebe und somit wiederum Pflanzenmasse, die im Spätherbst nochmal als Tierfutter abgeerntet werden kann. Nach diesem Schnitt soll die Pflanze bestmöglich der kalten Jahreszeit trotzen.

Im Frühling, wenn die Temperaturen ansteigen, schießt der Weizen wieder aus und bildet neue Fruchtkörper, die nach der Reife geerntet werden können. Nach aktuellem Wissensstand und in Abhängigkeit der Witterung soll so über einen Zeitraum von 3-5 Jahren Weizen geerntet werden.

Der Ertrag vom mehrjährigen Weizen am Standort Bettendorf lag mit 50-55 dt/ha deutlich unter dem Ertragsniveau der anderen Weizensorten (90-100 dt/ha). Da wir keine Ertragsmaximierung anstreben, ist das Resultat zufriedenstellend. Analysen und Tests werden zeigen, ob dieser Weizen backfähig ist.

Wenn uns der Ertrag nicht so wichtig ist, stellt sich natürlich die Frage, wo die Vorteile dieser Kultur liegen. Durch einmaliges Einsäen für mehrere Kulturjahre wird aus ökonomischer Sicht der Arbeits- und Maschinenaufwand stark reduziert, sodass der Ertrag pro Jahr gar nicht so hoch sein muss, um wirtschaftlich das gleiche Resultat zu erzielen.

Die größte Stärke dieser Kultur liegt in ihren Wurzeln, denn diese können 2-3 m tief in den Boden ragen. Durch dieses Wurzelsystem kann der Weizen vorhandene Nährstoffe besser nutzen und kommt mit Trockenperioden eher zurecht. Voraussichtlich kann man ihn durch die vielen Wurzeln als Humusmehrer bezeichnen. In Kombination mit der Mehrjährigkeit hält dieses Wurzelsystem den Boden, besonders über die Wintermonate, fest und schützt ihn so gegen Erosion. Zusätzlich wird das Bodenleben nicht gestört, da über mehrere Jahre keine Bodenbearbeitung stattfindet. Weiter können die Stoppeln in den Wintermonaten als Rückzugsort für Insekten fungieren, da der Boden bedeckt bleibt.

Ein zügiges Wachstum der schon vorhandenen Pflanzenmasse der Kultur kann im Frühjahr dazu führen, dass anders als beim normalen Weizen, auf eine mechanische und/oder chemische Beikrautregulierung verzichtet werden kann.

Ein Nachteil des mehrjährigen Weizens kann der Krankheitsdruck durch Pilzbefall sein. Obwohl er robuster gegen Pilzkrankheiten ist, steigt die Gefahr eines Befalls, da die Sporen sich über mehrere Jahre ungehindert auf der gleichen Parzelle einnisten und vermehren können.

Der Einsatz dieser Kultur als Reinsaat zum Futter- oder Brotweizenanbau, besonders im Biobereich und in extensiven Lagen, gilt als interessant. Weitere Möglichkeiten wären der Einsatz als Untersaat im Mais (Diese schützt vor Erosion zwischen den Reihen und nach der Ernte wäre der Boden weiterhin bedeckt) und als Zusatz in Gemengen zur Futtergewinnung.

Unser enger Kontakt mit Herrn Werner Vogt-Kaute von der Naturland Fachberatung aus Hohenkammern bei München, der als Erster dieses Saatgut nach Europa importiert hat, ermöglicht es, neue Erkenntnisse zu teilen. Herr Vogt-Kaute beschreibt und selektiert die verschiedenen Sorten aus der Kreuzung  Weizen x Blauquecke.

Anders als bei herkömmlichem Weizen arbeitet er mit den robusten und ausdauernden Sorten. Dies ermöglicht es uns, dieses Jahr neue Parzellen mit widerstandsfähigeren Sorten anzulegen.

Über die Jahre wird sich somit zeigen, ob diese Kultur in unseren Breitengraden eingesetzt werden kann und sie das hält, was sie verspricht.

*Ausfallgetreide: Aufwuchs aus Samen, die bei der Getreideernte auf dem Acker verblieben sind